• Geselliger Imitationskünstler

Geselliger Imitationskünstler

28.05.2020 MARTINA SCHYBLI, Dr. med. vet. Schweizerische Vogelwarte Sempach

Der Star ist ein munterer Geselle, der mit einem variantenreichen Gesang und interessanten Verhaltensweisen für spannende Beobachtungen sorgt. Mit Nistkästen und einem vielfältigen Nahrungsangebot kann man versuchen, das gesellige Multitalent in den Garten zu locken.

Die Sonne scheint, aus dem geöffneten Fenster dringt das morgendliche Vogelkonzert herein. Plötzlich mischen sich ungewohnte Laute in die liebliche Geräuschkulisse: Frösche quaken, und sogar eine Ente meldet sich – dabei habe ich gar keinen Teich im Garten! Jetzt klingelt auch noch ein Handy, das definitiv nicht meins ist. Was ist da los? 

Des Rätsels Lösung offenbart sich bei einem Blick aus dem Fenster. Die Geräusche stammen von einem Star, der auf dem alten Apfelbaum sitzt. Aufgrund des schwarzen, im Sonnenlicht violett-grün glänzenden Gefieders, des kurzen Schwanzes und des spitzen gelben Schnabels ist er eindeutig bestimmbar. Typisch ist auch der mit flatternden Flügeln vorgetragene Gesang. Dieser ist mit Knacklauten sowie langgezogenen Pfeiftönen gespickt und enthält eingeflochtene Imitationen verschiedener Vogelstimmen sowie diverser anderer Laute. Das Individuum im Garten äfft inzwischen die Rufe eines Turmfalken nach, knattert danach wie Nachbars Rasenmäher und geht anschliessend zu einem Gackern über – offensichtlich diente ihm hier mal ein Haushuhn als Muse. Diese Imitationen – in Fachkreisen spricht man von Spotten – dienen dazu, die Gunst der Damenwelt zu erringen. Kreative Sänger mit vielen verschiedenen Motiven scheinen dabei mehr Erfolg zu haben.

Gesellige Vögel

Stare sind äusserst gesellig. Im Gegensatz zu vielen anderen Singvögeln, die zur Brutzeit territorial sind und ihr Revier gegen Artgenossen verteidigen, verteidigen sie nur den Nestbereich und brüten teilweise auch in lockeren Kolonien. Als Höhlenbrüter bauen Stare ihr Nest unter anderem in Spechthöhlen, in Hohlräumen unter Dachziegeln oder auch in Nistkästen. Am Nestbau sowie am Ausbrüten der Eier beteiligen sich beide Partner. Die Brutzeit beginnt im April und kann sich je nach Wetter bis in den Juli hineinziehen, wobei auch Zweitbruten vorkommen.

Ausserhalb der Brutzeit sind Stare in den allseits bekannten Schwärmen unterwegs und übernachten in gemeinschaftlichen Schlafplätzen, wobei sich mehrere hundert oder sogar tausende Individuen zusammenfinden können. Die gesellige Lebensweise ist für die Stare von Vorteil, da sie sich gegenseitig zu den günstigen Nahrungsgebieten führen, Feinde einfacher entdecken und der einzelne Vogel Schutz in der Menge findet.

Den Winter verbringen Stare mehrheitlich im Mittelmeerraum. Dank Wiederfunden beringter Vögel weiss man, dass unsere Stare grösstenteils im Süden Frankreichs und in Spanien, Marokko und Algerien überwintern, ein geringerer Teil begibt sich nach Italien und Tunesien. Es gibt allerdings auch Individuen, die in der Schweiz zu überwintern versuchen. Mit der zunehmenden Erwärmung des Klimas und den milderen Wintern nimmt ihre Anzahl tendenziell zu.

Wer Stare fördert, wird nicht nur mit einem variantenreichen Gesang, sondern auch mit interessanten Verhaltensweisen der cleveren Singvögel belohnt.

Abwechslung ist gefragt

Stare schätzen abwechslungsreiche Landschaften. Sie besiedeln Obstgärten und Feldgehölze, aber auch Waldränder, lichte Wälder sowie Städte und Dörfer, wo ihnen Parks, Alleen und naturnahe Gärten als Lebensraum dienen. Im Hinblick auf die Nahrung sind Stare ebenfalls vielseitig unterwegs: Während des Frühlings ernähren sie sich mehrheitlich von Insekten, Spinnen, Regenwürmern und Schnecken. Ab dem Sommer kommt zunehmend pflanzliche Nahrung in Form von Beeren, Sämereien und Früchten hinzu – Letzteres manchmal auch zum Ärger der Landwirte. Überwinternde Individuen bedienen sich zudem gelegentlich an Futterhäuschen, teilweise wird sogar Abfall verzehrt. Nestlinge indessen sind in ihrem Nahrungsspektrum eingeschränkter als Altvögel, sie werden vor allem mit Wirbellosen gefüttert.

 

Einheimische beerentragende Sträucher – im Bild das Pfaffenhütchen – dienen dem Star als Nahrungsquelle und bieten uns Menschen zudem optisch einen Mehrwert. BILD NIKLAUS ZBINDEN Die Beeren des schwarzen Holunders schmecken nicht nur dem Star, sondern zu Gelee verarbeitet auch dem Menschen. Die Blüten können ebenfalls zum Kochen verwendet werden. BILD ALBERT KREBS (v.l.n.r.)

Nicht gefährdet, aber…

Der Star ist in der Schweiz ein weitverbreiteter Brutvogel. In ihrem neuen Brutvogelatlas schätzt die Vogelwarte Sempach den Bestand auf rund 120 000 bis 140 000 Brutpaare. In der Schweiz gilt der Star als nicht gefährdet, gesamtschweizerisch ist der Bestand seit 30 Jahren einigermassen stabil. Allerdings gibt es regional unterschiedliche Entwicklungen. Manche Gebiete in der Schweiz verzeichnen Rückgänge, während die Bestände an anderen Orten eher ansteigen.

In Anbetracht des Insektenschwundes stellt sich die Frage, wie sich die Bestände zukünftig entwickeln werden, zumal Insekten nicht nur für die Altvögel, sondern auch für die Aufzucht des Nachwuchses von grosser Bedeutung sind. Auch Wohnungsnot könnte für den Star zum Thema werden. Zum Brüten ist er auf alte Bäume mit Höhlen oder Hohlräume an Gebäuden, beispielsweise unter Dachziegeln oder Löcher im Mauerwerk, angewiesen. Leider wurden in den letzten Jahrzehnten im Kulturland zahlreiche Hochstamm-Obstbäume gefällt, und auch im Siedlungsraum werden alte Bäume aus Sicherheitsgründen oder aufgrund von Bautätigkeiten oftmals entfernt. Mit dem Abriss alter Gebäude sowie der modernen Bauweise, die neben einer guten Isolation und intakter Fassade auch vermehrt Flachdächer aufweist, stehen Gebäude als Brutorte zudem immer weniger zur Verfügung.

Eine oftmals verkannte Gefahr sind Netze zum Schutz von Obst und Beeren – zumindest, wenn die Netze nicht korrekt angebracht werden. Jahr für Jahr verheddern sich neben Staren auch verschiedene andere Wildtiere in beschädigten, nicht ausreichend gespannten oder lose auf dem Boden aufliegenden Netzen. Werden diese Tiere nicht rechtzeitig gefunden, so endet die Nahrungssuche tödlich.

Während des Frühlings ernähren sich Altvögel hauptsächlich von Wirbellosen, und auch der Nachwuchs erhält tierisches Protein. Wer mit einem naturnahen Garten die Insektenvielfalt fördert, tut auch dem Star einen Gefallen.

Stare fördern ist nicht schwer

Als Höhlenbrüter profitiert der Star davon, wenn alte Bäume im Siedlungsraum, Kulturland und Wald vermehrt stehen gelassen werden. Ergänzend kann man den Staren Nistkästen als Ersatzhöhlen anbieten. Das Einflugloch sollte dabei einen Durchmesser von 5 cm aufweisen. Solche Kästen können bei der Schweizerischen Vogelwarte bezogen oder selbst gebaut werden.

Der beste Nistkasten nützt jedoch nichts, wenn rundherum Ödland herrscht, also weder Nahrung noch Rückzugsmöglichkeiten vorhanden sind. Sterilen Schotterflächen sowie Gärten mit permanent kurz gemähten Wiesen und exotischen Sträuchern bleibt der Star fern. Wer hingegen Wildblumenwiesen ansät, lockt Insekten an – und damit den Star als deren Fressfeind. Mit einheimischen beerentragenden Sträuchern im Garten bietet man Staren sogar ganzjährig Gratisfutter. Wie die Blumenwiesen sind auch sie Nahrungsquelle verschiedener Insektenarten. Von den Beeren können sich die Stare zudem bis in den Spätwinter ernähren. Beliebt sind beispielsweise Traubenkirsche, Holunder, Gemeiner Hartriegel oder Pfaffenhütchen. Efeubeeren sind ebenfalls willkommen – die Pflanzen lassen sich für Begrünungen von Mauerwerk, Zäunen sowie Sichtschutzpalisaden einsetzen und bieten so auch optisch einen Mehrwert. Davon profitiert die Natur im Siedlungsraum, und Sie können bei Ihren Nachbarn prahlen – wer kann schon von sich behaupten, einen waschechten Star im Garten zu haben?

Weitere Informationen zum Star: www.vogelwarte.ch/star